Mythos Jungfernhäutchen: Dürfen wir vorstellen? Die vaginale Korona.

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Es ist absurd, dass der Jungfrauenwahn auf einem kleinen Häutchen lastet, das es so noch nicht einmal gibt. Frauen auf der ganzen Welt werden in ihrer Wertigkeit an einem Mythos gemessen. Damit sich die Situation ändert, müssen wir uns in unserer Vagina auskennen, also schauen wir uns das Hymen mal genauer an…
Wie die goldene Folie im Nutella-Glas, durch die man vor dem Vergnügen durch muss. So ungefähr stellen sich sehr viele Leute auch das Jungfernhäutchen vor, eben eine Haut, die die Vagina bis zum ersten Sex verschließt. Für den blutigen Abschied von der Unschuld, so heißt es. Völliger Quatsch, sagen Mediziner: Das Hymen ist ein weicher, dehnbarer Schleimhaut-Saum, der den Scheideneingang umgibt. Dieser Kranz sieht von Frau zu Frau so unterschiedlich aus wie die Vulva eben auch. Mal schmaler, breiter, fester, größer, you name it.

Entjungferung durch Sport und Tampons? Absoluter Nonsens

Und deshalb noch mal ganz deutlich zum Mitschreiben (auch ihr liebe Männer), absolutes Grundwissen über die weibliche Sexualität: Das Jungfernhäutchen verschließt nicht den Eingang zur Vagina, sondern das Hymen umgibt ihn ungefähr 1-2 Zentimeter in uns. Ist da tatsächlich eine Haut, die da unten komplett verschließt, dann kann das Menstruationsblut nicht abfließen. In diesem  seltenen Fall, muss medizinisch nachgeholfen werden. Aber ansonsten gilt: Das Hymen bleibt unser ganzes Leben lang – ja, auch nach einer Geburt – das löst sich nicht nach dem ersten Geschlechtsverkehr einfach auf. Und somit sind Gerüchte allesamt falsch,  dass die Untersuchung der Gynäkologen*innen, das Einführen des Tampons oder der Menstruationstasse etwa oder gar eine Bewegung beim Sport ein Jungfernhäutchen zerstört.

Wenn das Hymen wirklich an einer Stelle etwas einreißt, wird es ganz selten als schmerzhaft empfunden und es blutet nur minimal. Wer sich also erinnert, beim ersten Mal geblutet zu haben: Das kommt bei weniger als der Hälfte aller Frauen vor und ist nicht das Zeugnis der Entjungferung, sonder viel mehr einer innerlichen Verletzung. Das kann dann auch mit Verkrampfung, Angst, Erregungsgrad, Feuchtigkeit und Beschaffenheit der Vagina und des Penis zusammenhängen.

Allein das Wort Jungfernhäutchen ist schon irreführend

Schweden ist uns in Puncto Hymen voraus: 2009 wurde der Begriff Jungfernhäutchen abgeschafft und offiziell durch die Bezeichnung vaginale Korona ersetzt. Hierzulande läuft gerade eine Petition, die fordert, die Bezeichnung Schamlippen durch Vulvalippen im Duden zu ersetzen. Immerhin gibt es nichts, wofür man sich schämen muss. Ja genau! Wenn wir über die Sprache als Mittel der Unterdrückung der Frau nachdenken und anfangen umzuformulieren, dann wird an vielen Stellen der Druck genommen: Eben auch mit der Jungfräulichkeit, man verliert seine Unschuld nicht, man verliert gar nichts. Unbefleckt und unberührt? Gibt es nicht.

Und trotzdem gibt es Gynäkologen*innen, die Jungfräulichkeitszertifikate ausstellen; Behörden, die den Zweifingertest zur Prüfung der „Unversehrtheit“ durchführen; Ärzte, die die vaginale Korona zusammennähen; Firmen, die mit Zellulose und Kunstblut den Mythos aufrecht erhalten, um Frauen vor Verbrechen zu schützen; und Familien, die ein blutiges Bettlaken nach einer Hochzeitsnacht erwarten. All das passiert jeden Tag auf der ganzen Welt, in unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Regionen. Und das, obwohl das Hymen nichts darüber aussagt, ob eine Mädchen oder eine Frau bereits Sex hatte.

Es ist 2018, aber die Bürde eines Frauenkörpers ist noch immer schwer. Gerade erst im Oktober hatte die World Health Organization (WHO) festgestellt, dass Frauen und Mädchen noch in mindestens 20 Ländern erniedrigende Tests auf Jungfräulichkeit unterzogen werden und dem ein sofortiges Ende gefordert. Und auch in Deutschland halten sich nach wie vor Vorurteile und falsche Vorstellungen, die Frauen und ihre Vagina als „unrein“ diskreditieren. Deshalb müssen wir über die vaginale Korona Bescheid wissen – Wissen ist Macht, heißt es. Wir sagen: Wissen ist Female Empowerment.

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Autor

Sex geht uns alle etwas an. Deshalb hat Edith vor 12 Jahren eine Karriere als Journalistin begonnen. Hier arbeitete sie eng mit dem Dr. Sommer-Team zusammen - einer Gruppe an Expert*innen, die Fragen zur Pubertät und zu den sexuellen Belangen von Teenagern beantworten. Seitdem veröffentlicht Edith Inhalte in den verschiedensten deutschen Medien. Unter anderem für Refinery29 und mittlerweile für das NYLON Magazin. Ihre Schwerpunkte: Beiträge über starke Frauen, Sexualität und Body Positivity. Mit ihrer Arbeit möchte Edith veraltete und überholte Geschlechterstereotypen und die Diskriminierung von Frauen in Frage stellen.